Wenn das Unberechenbare vom Kick zur Ermüdung wird – Das Ende mit meiner 18-jährigen Rapperin
Es ist zwei Uhr nachts. Ich sitze vor meinem MacBook und kaue an meinen jüngsten Erlebnissen. Eigentlich müsste ich längst schlafen, aber dafür kreisen zu viele Gedanken in meinem Kopf.
Die Geschichte mit meiner 18-jährigen Rapperin ist zu Ende gegangen.
Angeblich Rapperin. Als wir uns im Club kennenlernten, erzählte sie mir, sie würde Texte schreiben. Bis heute habe ich keine einzige Zeile davon gelesen. Vielleicht hat sie das damals auch nur gesagt, um sich interessanter zu machen. Dabei hätte sie das gar nicht nötig gehabt.
Wir hatten ausgemacht, dass sie das Wochenende bei mir verbringt. Essen gehen, Wellness, Sauna, einfach Zeit miteinander. Am Nachmittag schrieb ich ihr noch: „Vergiss deinen Badeanzug nicht.“ – „Klar, Schatz.“ Als ich abends losfahren wollte, plötzlich die Planänderung: Ihre Schwester habe Last Minute vier Tage Spanien gebucht, sie müsse am nächsten Tag mit und könne deshalb doch nicht das Wochenende bei mir verbringen. Ich war enttäuscht und genervt und hatte eigentlich keine Lust mehr, überhaupt zu ihr zu fahren. Aber sie ließ nicht locker. Sie wollte mich unbedingt sehen. Fragte immer wieder, ob ich komme. Irgendwann ließ ich mich breitschlagen. Unterwegs sollte ich ihr noch Absolut Vodka, Red Bull und Zigaretten besorgen. Auf der Autobahnraststätte gab es keinen Vodka, nur die Zigaretten. Während der Fahrt rief sie dauernd an: Wo bist du? Wie lange brauchst du noch? Den Alkohol könnten wir auch woanders kaufen.
Als ich sie schließlich abholte, war ich eigentlich schon todmüde. Dann kam sie in einem süßen rosa Kleid an. Sehr feminin, völlig anders als sonst. Und für einen kurzen Moment war sie wieder da, diese Faszination. Wir gingen noch in eine kleine Boutique, die spät geöffnet hatte, und besorgten den Rest. Eigentlich wollten wir uns anschließend einen ruhigen, diskreten Ort suchen, an dem wir einfach zu zweit sein konnten. Doch kaum hatte sie Alkohol, Red Bull und Zigaretten, musste das Ganze natürlich auf Snapchat. Und damit änderte sich der Abend.
Plötzlich meldeten sich jede Menge Freunde und Freundinnen, die ebenfalls etwas davon abhaben wollten. Wir gingen schließlich zu zwei Freundinnen von ihr. Die beiden waren übrigens ausgesprochen nett und erstaunlicherweise wesentlich besser drauf als sie. F. dagegen nahm mich kaum noch wahr. Und irgendwann merkte ich etwas, das mich selbst überrascht hat: Ich hatte keine Lust mehr. Nicht nur keine Lust mehr auf diesen Abend. Die ganze Magie war plötzlich weg.
Dabei hatte mich gerade ihre Unberechenbarkeit von Anfang an unglaublich fasziniert. Bei ihr wusste ich nie genau, welche F. ich bekommen würde. Eine Zusage von ihr war ein bisschen wie Lotto. Vielleicht kam sie überschwänglich und hing sofort an mir. Vielleicht frech und völlig aufgedreht. Vielleicht plötzlich ganz still. Vielleicht änderte sie fünf Minuten später irgendeinen Plan. Dieses Nicht-ganz-Wissen war ein wesentlicher Teil dessen, was mich an ihr elektrisierte. Dazu ihre Jugend, ihre Spontaneität und diese wilde Welt, die so weit von meinem normalen Alltag entfernt ist. Wahrscheinlich funktionierte das gerade deshalb so gut, weil es nicht meine Welt war.
Nur hatte ich heute zum ersten Mal das Gefühl, die andere Seite derselben Eigenschaften wirklich zu erleben. Spontan war plötzlich nicht mehr aufregend, sondern unzuverlässig. Verrückt nicht mehr faszinierend, sondern chaotisch. Ungehemmt nicht mehr sexy, sondern ermüdend.
Und aus der geheimnisvollen Welt einer 18-Jährigen wurden irgendwann nur noch Snapchat, Alkohol, Kiffen, andere Drogen, irgendwelche Leute, die auftauchten, laute Musik und ständiges Starren aufs Handy. Ich saß irgendwann mitten in dieser Welt und dachte: Was mache ich eigentlich hier? Vielleicht war es deshalb sogar gut, fast ein bisschen heilend, sie einmal so zu erleben.
Denn ich kannte auch eine ganz andere F. Das lange Wochenende bei mir. Die Nacht, in der sie neben mir schlief und meine Nähe suchte. Der Morgen, an dem sie ausgeschlafen und strahlend aufwachte. Der Nachmittag nach dem Essen, als sie noch ein bisschen schlafen wollte und wir uns wieder zusammen hinlegten. Das war nicht nur Club, Alkohol und Nachtleben gewesen. Deshalb hatte ich ja geglaubt, dass da vielleicht noch etwas anderes zwischen uns existiert. Vielleicht tat ihr gerade dieser Kontrast gut. Ruhe. Essen. Schlafen. Nähe. Ein Wochenende weit weg von ihrer üblichen Welt. Vielleicht aber auch nur einmal.
Irgendwann bin ich einfach gegangen. Nicht weil wir uns gestritten hätten. Nicht weil irgendetwas Dramatisches passiert wäre. Sondern weil ich plötzlich nichts mehr von diesem Abend wollte. Vielleicht hätte unsere Geschichte einfach mit diesem einen langen Wochenende enden sollen. Dann wäre eine ziemlich verrückte, schöne Erinnerung geblieben.
Denn etwas Interessantes ist heute passiert: Diese Unberechenbarkeit, die mich anfangs faszinierte, ist innerhalb eines Abends von aufregend zu anstrengend gekippt. Und damit hat sich auch mein Blick auf sie verändert. Sie ist sowieso viel zu jung für das, was ich eigentlich suche. Und intellektuell ist da vermutlich wenig, was uns verbindet. Kaum gemeinsame Interessen, kaum Gespräche, von denen ich noch Stunden später zehre. Und trotzdem wäre es gelogen zu behaupten, sie sei für mich uninteressant gewesen. Im Gegenteil. Diese Frau hat emotional und erotisch irgendeinen ziemlich präzisen Schalter in mir gefunden. Sonst würde ich nicht nachts um zwei mehrere Seiten über sie schreiben. Ich liebe ihre inneren Schamlippen … und allein dass mir ausgerechnet jetzt so eine intime körperliche Erinnerung durch den Kopf geht, während ich gleichzeitig weiß, dass ich sie nicht mehr wiedersehen möchte, sagt eigentlich alles über diesen Widerspruch.
Ich kann eine Frau körperlich wahnsinnig begehren und gleichzeitig erkennen, dass sie überhaupt nicht in mein Leben passt. Sehr starke sexuelle Anziehung macht aus zwei Menschen noch keine guten Partner.
Vielleicht ist genau das die Erkenntnis: Eine Frau kann einen wahnsinnig anziehen und trotzdem überhaupt nicht zu einem passen.
Wir waren emotional offensichtlich an ziemlich verschiedenen Orten. Und vielleicht ist heute deshalb nicht einfach ein schlechter Abend zu Ende gegangen. Es ist etwas in meinem Bild von ihr zerbrochen. Komischerweise bin ich darüber inzwischen nicht einmal mehr besonders traurig. Vielleicht musste ich sie einfach einmal in ihrer eigenen Welt erleben, um zu verstehen, dass das, was mich an ihr so faszinierte, gleichzeitig genau das ist, weshalb sie für das, was ich eigentlich suche, nicht funktioniert. Ausgerechnet ihre Unberechenbarkeit hatte mich elektrisiert. Und ausgerechnet ihre Unberechenbarkeit hat die Geschichte beendet.