Schönheit sehen
In den letzten Wochen ist mir etwas aufgefallen, worüber ich vorher nie nachgedacht hatte.
Es gibt Menschen, die Schönheit betrachten.
Und es gibt Menschen, die in Schönheit denken.
Den Unterschied erkennt man nicht am Preis einer Handtasche oder an der Marke eines Schmuckstücks. Sondern an Kleinigkeiten.
Ich habe mit einer jungen Architekturstudentin stundenlang über Smaragd-Anhänger gesprochen. Nicht über den Preis. Nicht darüber, ob es Gold oder Silber sein soll. Sondern darüber, ob die Kette zu dick ist. Ob die Öse einen Millimeter zu groß wirkt. Ob der Anhänger frei beweglich ist. Ob die Proportion stimmt.
Irgendwann schrieb sie einfach:
« Lui... il est parfait. »
In diesem Moment wurde mir klar, dass wir gar nicht über Schmuck sprachen.
Wir sprachen über Wahrnehmung.
Dasselbe fiel mir bei ihren Fotos auf. Keine Selfies. Jede Aufnahme wirkte komponiert. Linien. Licht. Farben. Nichts schien zufällig gewählt. Sie studiert Architektur. Vielleicht ordnet sie deshalb nicht nur Räume, sondern auch Bilder.
Ein paar Tage später rief sie mich per FaceTime an.
Sie wollte gar nicht viel reden.
Sie wollte, dass ich mir ein Klavierstück anhöre.
Nach wenigen Minuten wollte ich etwas analysieren. Sie lächelte nur und sagte:
« Écoute jusqu'à la fin. »
"Hör bis zum Ende."
Dieser Satz hat mich mehr beschäftigt, als ich zunächst dachte.
Vielleicht versuchen wir Männer im Sugardating manchmal zu schnell, Dinge zu erklären. Zu beeindrucken. Zu organisieren.
Dabei vergessen wir etwas.
Manche Frauen suchen keinen Mann, der ihnen die Welt erklärt.
Sie suchen jemanden, der bereit ist, sie gemeinsam mit ihnen zu betrachten.
Seit dieser Begegnung ertappe ich mich dabei, Bücher aus dem Regal zu holen, die ich seit Jahren nicht mehr geöffnet habe. Handke. Kundera. Quignard.
Nicht, weil sie mich darum gebeten hätte.
Sondern weil manche Menschen den Blick verändern.
Vor einem Jahr hätte ich wahrscheinlich geschrieben:
"Sie ist wunderschön."
Heute würde ich eher schreiben:
"Sie betrachtet die Größe einer Öse."
Und vielleicht beschreibt dieser Satz besser als alles andere, warum manche Begegnungen in Erinnerung bleiben.