Ich habe mir aus reiner Neugier ein Frauenprofil auf MSD angelegt, was vermutlich einige hier schon einmal ausprobiert haben.
Nicht um jemanden hereinzulegen, sondern weil ich einmal sehen wollte, wie sich dieselbe Plattform eigentlich von der anderen Seite präsentiert.
Und nach einiger Zeit musste ich ausgerechnet an einen älteren Beitrag von medima99 denken. In einer Diskussion über meine teilweise etwas turbulenten Sugar-Geschichten schrieb er damals sinngemäß, wenn mein Auftreten tatsächlich so sei, wie ich es hier beschreibe, hätte ich auf MSD möglicherweise „quasi null Konkurrenz“.
Das fand ich damals etwas übertrieben. Nach meinem kleinen Perspektivenwechsel muss ich allerdings gestehen: Das war aufschlussreicher als erwartet.
Über Geschmack lässt sich natürlich wunderbar streiten, und meine Wahrnehmung männliche Attraktivitàt muss nicht derjenigen der Frauen aus MSD entsprechen. Trotzdem war ich erstaunt, wie wenige Profile schon rein von den Fotos her auf mich gepflegt, sympathisch und interessant wirkten.
Noch interessanter fand ich allerdings die Profiltexte.
Schon nach relativ kurzer Zeit begegneten mir Formulierungen wie:
„spontane Lady für intime Treffen gesucht“
„devote Partnerin, gerne Freundschaft+“
oder mein persönlicher Favorit:
„wie ein guter Kumpel, dem man vertrauen kann … Intimität erwünscht“
Nun kann natürlich jeder suchen, was er möchte. Daran ist zunächst überhaupt nichts auszusetzen.
Was mich vielmehr erstaunt hat, ist was erstaunlich oft gar nicht vorkommt:
Was für ein Mann bin ich? Was können wir gemeinsam erleben? Warum könnte sich eine junge Frau in meiner Gesellschaft wohlfühlen? Welche Art von Beziehung möchte ich entstehen lassen? Was bringe ich außer Geld und sexuellen Erwartungen mit?
Das fand ich irgendwann fast interessanter als die eigentlichen Wünsche.
Denn viele Profile lesen sich aus meiner frisch erworbenen „Frauenperspektive“ ungefähr so: Das suche ich. Das sollst du sein. Das möchte ich sexuell. Diskretion ist wichtig.
Aber die andere Hälfte der Gleichung fehlt: Und das bekommst DU mit mir.
Sexuelle Erwartungen beschreiben schließlich noch kein Angebot an die Frau!
Nicht einmal unbedingt materiell. Im Gegenteil: Gerade das wäre für mich der uninteressanteste Teil der Selbstdarstellung.
Warum sollte sie sich auf den Abend freuen? Bin ich humorvoll? Interessiere ich mich für Kunst, gutes Essen, Reisen oder Musik? Kann man mit mir einen völlig verrückten Abend verbringen und am nächsten Morgen genauso gut zwei Stunden beim Frühstück reden? Möchte ich gemeinsame Wochenenden, Kurzreisen, Theater, Wellness oder einfach einen schönen Alltag zu zweit erleben? Suche ich eine wirkliche Beziehung mit finanzieller Unterstützung oder hauptsächlich eine diskrete sexuelle Vereinbarung?
Welches Gefühl soll eine Frau eigentlich bekommen, wenn sie mein Profil liest?
Und da wurde das Experiment für mich persönlich interessant.
Ich vergleiche mich gedanklich nämlich häufig mit einem abstrakten Ideal-SD: attraktiv, souverän, vermögend, kultiviert, charmant, großzügig.
Gegen diesen imaginären Konkurrenten sieht man natürlich immer irgendwo alt aus. 😄
Aber der reale Wettbewerb besteht offenbar zu einem guten Teil aus:
„Suche devote Partnerin, Freundschaft+, Intimität erwünscht“ plus Autoselfie. 😂
Das ist bemerkenswert, weil ein Mann auf einer Datingplattform nur sehr wenig Platz und wenige Sekunden Aufmerksamkeit bekommt, um einer Frau eine einzige entscheidende Frage zu beantworten:
Warum sollte ausgerechnet ich für dich interessant sein?
Und etliche verwenden genau diesen knappen Platz offenbar dafür, relativ früh ihre sexuellen Erwartungen zu kommunizieren.
Nun stelle ich mir eine junge Frau vor, die sich eine Stunde lang durch solche Profile gearbeitet hat.
Und dann trifft sie auf einen Mann derselben Altersklasse, der gepflegt und vernünftig fotografiert wirkt und nicht mit „Intimität erwünscht“, „devot“, „coquine“ oder „Freundschaft+“ eröffnet.
Er schreibt normal mit ihr, interessiert sich für sie, kann sich unterhalten. Lädt sie zu einem schönen Abend ein, ohne dass über dem Dessert bereits unsichtbar die Frage schwebt, wann es endlich aufs Hotelzimmer geht.... Er behandelt sie höflich, respektiert ihre Grenzen und ist gleichzeitig großzügig.
Dann muss dieser Mann vielleicht überhaupt kein George Clooney sein.
Er muss möglicherweise nur deutlich angenehmer wirken als ein großer Teil der Alternativen, die sie gerade erlebt.
Und da musste ich tatsächlich noch einmal über medima99s damalige „quasi null Konkurrenz“ nachdenken.
Natürlich ist das keine wissenschaftliche Untersuchung und meine Stichprobe ist alles andere als repräsentativ. Es gibt selbstverständlich auch Männer mit guten Fotos, sympathischen Texten und einem interessanten Auftreten.
Trotzdem verstehe ich inzwischen etwas besser, warum mir Frauen auf MSD so häufig von merkwürdigen Erfahrungen erzählen.
Ich werde mein kleines Experiment jedenfalls noch etwas weiterführen.
Mich würde interessieren: Hat einer von euch MSD schon einmal bewusst aus der Perspektive des anderen Geschlechts betrachtet?
Interessieren würde mich besonders die Erfahrung der Frauen hier: Täuscht mein erster Eindruck, oder fehlt euch bei Männerprofilen tatsächlich häufig genau diese Antwort auf die Frage „Und was ist eigentlich für mich dabei – jenseits des Geldes?“